Leseprobe

 Pinienträne


ISBN  978-3-00-029014-5



Hier die Leseprobe zum Roman:

Bei Lunos Haus angekommen, stellte ich fest, dass die Tür nur angelehnt stand, also trat ich vorsichtig ein. „Luno? Luno! Luno?!“ Meine Stimme hallte durch das ganze Haus und ergab ein Echo. Doch außer dem Echo antwortete niemand, also sah ich mich nach ihm um. Mir fiel auf, seine ganzen Zimmerpflanzen ließen welk die Köpfe hängen. Ich hatte bereits in jedem Raum nach ihm gesucht und ihn noch immer nicht gefunden. Sein Zuhause war wirklich riesig und hier in Emmerald war es wohl eine Art Palast. Außer der geräumigen Eingangshalle mit den vielen Stühlen, sodass sie beinahe schon einem Wartezimmer glich, gab es da noch einen Aufenthaltsraum der so eine Art Wohnzimmer für Luno war, ein Arbeitszimmer, gleich nebenan einen großen Saal für Rituale, einen Hobbyraum, ein leeres Zimmer, ein Gästezimmer und natürlich sein Schlafzimmer. Zurück im Korridor flog dann der Nachtfalter an mir vorbei, hinauf zur Dachterrasse. - Luno! Ich folgte ihm.
Bis ich auf der Dachterrasse angekommen war, hatte sich Luno schon wieder in eine Lichtgestalt zurückverwandelt. Er saß auf dem steinernen Geländer um sein flaches Hausdach, welches man als Terrasse nutzen konnte, und ließ die Beine hinunter baumeln, während er mit gesenktem Kopf in die Tiefe vor sich blickte. Es sah riskant und gefährlich aus, wie nah er am Abgrund saß. Zwar sah ich sein Gesicht nicht, doch ich hätte schwören können, dass er wieder diesen glasigen Blick in den Augen hatte. Und über ihm regnete es. – Nur über ihm, sonst nirgends.
Vorsichtig näherte ich mich ihm von hinten, wodurch der Schnee im Dorf weiter taute, wie ich von hier aus sehen konnte. Dann überwand ich meine Höhenangst, die ich jedoch nur habe, wenn ich mich auf hohen Flächen ohne Schutzvorrichtung, wie einem Geländer, befinde und setzte mich neben Luno an den Abgrund und in den Regen. Plötzlich tropfte es nur noch leicht und hörte langsam auf zu nieseln. Ein wunderschöner, farbenprächtiger, kräftiger Regenbogen zog sich über den Himmel. Luno, der die Augen geschlossen hatte, öffnete sie nun und schielte zu mir herüber. Die letzten Regentropfen liefen noch an seinen Wangen hinunter. Ich lächelte ihn an, worauf auch er die Mundwinkel wieder leicht anhob.
„Warum lässt du dich abregnen?“, fragte ich ihn.
„Wenn ich in einer depressiven Stimmung bin, tut es mir irgendwie sogar gut“, erklärte er.
„Du siehst dabei nur so furchtbar traurig aus...“, fand ich, worauf Luno nachdenklich sprach: „Alle empfinden den Regen als traurig... Also ich finde ihn magisch... denn bei Regen kann ich mit erhobenem Kopf durch die Welt gehen, ohne dass man erkennt, dass meine Augen voller Tränen sind...“ Kurz schwiegen wir.
„Du weißt schon von der Sache mit Astor und mir?“, interessierte es mich.
Anstelle mir eine Antwort zu geben rutschte Luno ein Stück von mir weg und schnipste mit den Fingern, worauf es wieder über ihm zu regnen begann. „Wenn du gekommen bist, um mit mir darüber zu sprechen, dann geh jetzt besser gleich wieder, denn ich würde dieses Gespräch nicht verkraften...“
„Nein, entschuldige, eigentlich wollte ich dich nur darum bitten, Emmerald wieder aufzutauen“, sagte ich schnell.
Luno sah nur die Wolke über sich an, worauf es wieder aufhörte zu regnen. „Und was, wenn ich das nicht kann?“
„Sei nicht albern. Du hast innerhalb ein paar Sekunden das Hochwasser im Dorf zu Eis gefrieren lassen! Dann wirst du doch wohl auch noch den Rest auftauen können!“, meinte ich.
„Und was, wenn ich das nicht will? Das Wetter hier in Emmerald passt sich meiner Stimmung an, aber das hast du ja sicher schon bemerkt.“ Als er das sagte, begann es plötzlich überall zu regnen. Der Schnee schmolz durch das Wasser, doch das Wasser würde bei diesen Temperaturen erneut gefrieren.
„Luno, es ist Sommer, da kannst du es doch nicht schneien und frieren lassen!“, fand ich.
„Natürlich kann ich. Außerdem gibt es in Emmerald keine geregelten Jahreszeiten, so wie in deiner Menschenwelt. Winter ist immer dann, wenn ich mich danach fühle. Hat dir Astor das noch nicht gesagt?“, stellte er mir eine rhetorische Frage. „Du bist nun schon lange genug kein Mensch mehr und solltest das wissen, was jeder andere Hortenser auch weiß. Wenn ich nicht will, kann ich es auch nicht“, erklärte er. „...Es sei denn... ich wollte es wieder... wenn mich jemand dazu bringen würde, es zu wollen...“
Ich verstand seine Anspielung und fragte: „Was muss ich dafür tun?“
Luno stieg vom Geländer. „Komm mit, ich werde es dir zeigen.“

Ich folgte ihm in sein Arbeitszimmer, wo ein Spinnrad stand. „Ich werde dir nun lehren, wie man mit meinem Spinnrad umgeht. Doch es ist nicht nur irgendein Spinnrad, es ist ein magisches Spinnrad! Denn damit kann jeder Herrscher von Emmerald und die, denen er es gestattet, Gold- und Silberfäden spinnen. Es war sehr lange verschollen. Angeblich soll es seit Metro, dem ersten gerechten Herrscher über Emmerald, niemand mehr benutzt haben. Doch ich hatte das Glück, es, kurz nachdem ich Herrscher wurde, mit Hilfe meines achten Sinns wiederzufinden. Setz dich auf den Hocker davor. Mit diesem Fußpedal kurbelst du das Rad an. Dann musst du eigentlich nur noch den Faden führen und in der Spur halten – und pass auf die Spindel auf!“
Anfangs half er mir noch ein bisschen, doch schon bald konnte ich es auch allein. Es kam mir äußerst rätselhaft vor, da wir gar kein Material für den Goldfaden eingelegt hatten und trotzdem war er doch, wie durch ein Wunder, plötzlich im Spinnrad. Dort, wo man eigentlich die lose Wolle ins Spinnrad führte, um sie zu Garn zu verarbeiten, war nichts. Nur eine Spur von Glitzer schwebte an jener Stelle in der Luft. Das pure Gold wurde von dem Spinnrad wohl herbeigezaubert, denn es kam einfach so aus dem Nichts.
„Dieses Glitzern, Glänzen und vor allem das helle Strahlen des Goldes ist so wundervoll! Es erinnert mich an die Sonne...“, meinte ich verträumt.
„Und genau diese brauchen wir doch um Emmerald wieder aufzutauen. Darum lasse ich dich den Goldfaden spinnen, als Symbol für die Sonne und weil du meine Sonne sein sollst, die auch mein kaltes Herz wieder auftaut“, klärte er mich auf.
Ich war so sehr von dem Goldfaden fasziniert und von Lunos Worten abgelenkt, dass ich unachtsam wurde und mich an der Spindel stach. „Au!“, entfuhr es mir und flüssiges Zinn kam aus meinem Finger.
„Zeig mal her“, sprach Luno ganz ruhig, nahm meine Hand, die ich inzwischen zu ihm gestreckt hatte und sah sich meinen Finger an. „Halb so schlimm, das haben wir gleich.“ Mit seinem linken Zeigefinger hielt er die kleine Wunde zu. Als er ihn wieder weg nahm, war sie plötzlich spurlos verheilt. Ich war wirklich erstaunt. Er hatte dieses Wunder ganz von selbst vollbracht und ich dachte, das ginge nur mit Astors Anhänger oder Pinienträne...
„Danke...“, kam es, noch immer etwas verwundert, von mir.
„Ich werde für dich weiter machen“, entschied Luno. Von der Seite beobachtete ich ihn dabei. Er war so hoch konzentriert, wenn er dieser Tätigkeit nachging. Dieser Gesichtsausdruck stand ihm irgendwie. „So, das wäre genug“, erkannte er bereits nach kurzer Zeit. Er holte noch etwas Silberfaden, den er bereits gesponnen hatte, dazu, zerteilte die Schnüre in etwa gleich lange Stücke und begann, zusammen mit mir gegenüber, mehrere Fäden aus Edelmetall zu flechten. Er konnte das sehr schön und gleichmäßig. „Ich denke, das ist genug“, meinte er nach einer Weile und nahm Maß an meinem Handgelenk. Dann verschmolz er jeweils die Enden und befestigte einen Verschluss daran. „Da fehlt noch etwas“, fand er, zog eine Schublade aus der Kommode im Arbeitszimmer heraus und kramte darin. Mit gefüllten Händen kam er zu mir zurück und offenbarte mir die wunderschön glitzernden und funkelnden, verschiedenen Edelsteine und die glänzenden Perlen, dazwischen lag ein kleiner zinnerner Schmetterling. „Leg deine Hände darauf, sodass sie die meinen berühren“ Ich tat was er wollte, er konzentrierte sich kurz und als er fertig war, hatten die Edelsteine plötzlich eine saubere und schmale Bohrung, durch die ein kleiner dünner Metallring ging, den er nun am geflochtenen Armband befestigen konnte. Als er auch dies erledigt hatte, legte er es mir am Handgelenk an und nahm meine Hand, um sein Kunstwerk noch einmal zu bewundern. „Das möchte ich dir schenken, Lilly. Bestimmt hat kein Hortenser in ganz Emmerald so ein wertvolles Schmuckstück wie du, denn es ist ganz und gar aus den edelsten Materialien von ganz Emmerald. Sowie das Gold, als auch das Silber könnte nicht purer sein, die Edelsteine nicht reiner und klarer und die Perlen nicht glänzender.“
„Aber...“, stotterte ich, „das kann ich doch nicht annehmen... So viel von deiner Mühe steckt darin. Ich bin es einfach nicht wert, dass du es an mich verschwendest, wo ich dir doch so weh getan habe...“
„Die Wunden, die du meiner Seele zugefügt hast, Lilly, waren zwar die schmerzhaftesten, aber auch die schönsten...“ Nachdem er diesen Satz ausgesprochen hatte, lächelte er etwas gequält. „Natürlich kannst du es annehmen – du musst einfach! Denn niemand wäre mehr wert, es zu tragen, als du. Wenn du es nicht trägst, dann ist es nur eine Verschwendung, nichts weiter... Ich bitte dich, behalte es!“ So wie er es formuliert hatte, konnte ich ihm seine Bitte nun einfach nicht mehr abschlagen. Es war ja nicht so, dass ich es nicht gern gehabt hätte. Jede Frau hätte dieses Armband besitzen wollen, denn es war einfach unbeschreiblich schön! Also nickte ich ihm zu, als Zeichen dass ich einverstanden war.

„Wir sind fertig. In Emmerald ist wieder Sommer“, erklärte Luno dann nach kurzem Schweigen. In dieser Pause hatte ich bemerkt, dass es den Pflanzen in seinem Haus plötzlich wieder gut ging. Er begleitete mich noch bis zur Tür, während er noch immer meine Hand hielt, die er nicht mehr losgelassen hatte, seit er mir das Armband angelegt hatte. Mit der anderen Hand fasste er an die Türklinke, doch dann stoppte er. „Moment noch. Erst hätte ich gerne noch eine einzige Frage von dir beantwortet: Was passiert, nachdem ich deine Hand losgelassen habe?“ Ich schwieg, während ich darüber nachdachte. Als ich nichts sagte, fuhr er fort: „Wirst du einfach gehen, so als wenn nichts wäre, so als ob es kein Abschied wäre, weil wir uns morgen ja wieder sehen könnten, obwohl du genau weißt, dass es nicht so ist, weil Astor etwas dagegen hätte? Wirst du dann versuchen, mich zu vergessen oder zumindest zu hassen, damit Astor zufrieden ist? Wirst du mich dann nie wieder besuchen, weil Astor es so will? Wirst du dich dann in allen Angelegenheiten, die mich mit einbeziehen, nach Astor richten? Werden wir jemals wieder gemeinsam Schach oder Matik spielen oder auf meiner Dachterrasse sitzen, uns unterhalten und in den Himmel blicken? - Erzähl mir nicht, dass du das nicht auch genossen hättest! Was ist, Lilly? Antworte mir doch!“
Ja, er hatte Recht, ich hatte die Zeit mit ihm genossen. Und ich wusste auch, dass es Astor nicht recht wäre, wenn ich den Kontakt zu Luno weiterhin pflegen würde. Es kam mir beinahe so vor wie die Situation von Leyla. Lunos Fluch hatte auch Auswirkungen auf sie gehabt, da sich sogar ihre Eltern von ihr abwendeten, nur weil sie ihn gern hatte. Und nun würde sein Fluch auch Auswirkungen auf meine Beziehung zu Astor haben, wenn ich mich nicht von Luno fern hielte...
Es war wirklich schwer, eine für Luno zufriedenstellende Antwort auf seine Frage zu finden, da ich wusste, dass er Recht hatte. Also sprach ich entschlossen: „Luno, egal was auch passiert, wir werden immer Freunde bleiben.“
Doch er schüttelte nur traurig und verzweifelt den Kopf. „Lillian, mach dir doch nichts vor. – Und versuche auch nicht, mir etwas vorzumachen. Du weißt es und ich weiß es: In einer Beziehung mit Astor ist eine Freundschaft mit mir nicht drinnen. Aber ich weiß auch, Astor könnte dich niemals glücklich machen...“
„Aber du...“, argumentierte ich sarkastisch, worauf er betroffen zu Boden sah und schwieg.
Kurz presste er die Lippen zusammen, dann sah er wieder zu mir auf und blickte mich ernst und durchdringend an. „Dann sieh mir in die Augen und sag mir ins Gesicht, dass du ihn liebst!“
„Ich liebe Astor!“, fuhr ich ihn an, jedoch eher aus Trotz als aus Liebe...
Darauf wich Luno plötzlich meinem Blick aus. Er wirkte leicht eingeschüchtert, nein, eingeschüchtert wäre das falsche Wort dafür. Er war eher erschrocken, schockiert über meine direkte Aussage, da er damit wohl nicht gerechnet hatte. Ein besser Ausdruck wäre: Er war verletzt. – Zutiefst verletzt von mir ...und traurig. Ich verspürte Mitleid für ihn und bereute meine Aussage sogleich. Warum musste ich ihn auch gleich so anfauchen? Es war wieder die gleiche Situation wie letztes Mal: Ich hatte Luno verletzt, indem ich nicht nachgedacht hatte. Ich hätte es ja auch schonender formulieren können.
„...E- entschuldige... tut mir leid“, stotterte ich planlos, da es mir peinlich war, laut gegenüber ihm geworden zu sein, worauf er mich wieder ansah.
Dann begann er verständnisvoll zu nicken, so als ob er mir bereits vergeben hätte. „Ja, wir sollten uns nicht streiten. Und wenn du sagst, wir würden immer Freunde bleiben, dann glaube ich dir auch.“ Er warf noch einmal einen Blick auf das Armband, worauf ich es ebenfalls ansah. „Es ist ein Freundschaftsarmband“, stimmte er mir nickend zu. „Ich hoffe, du triffst die richtige Entscheidung für unsere Freundschaft. Ich vertraue dir.“ Dann öffnete er die Tür. Schon von weitem konnte man Astor am Sonnenplatz auf mich warten sehen. Als ich auf ihn zulaufen wollte, ließ Luno meine Hand los. Es war irgendwie ein sehr prägendes Gefühl, als sich unsere Fingerspitzen ein letztes Mal unbeabsichtigt berührten, bevor ich mich von ihm entfernte...


 
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